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SPD Flacht-Aar.

Hochkultur fängt im Dorf an :

Aktuell

Die "kreative Kraft im Rhein-Lahn-Kreis" ist ein bedeutender Standortfaktor - Gesprächsrunde über Kulturarbeit im ländlichen Raum stößt auf große Resonanz. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat zu Gast in Zollhaus.

AARTAL | Olaf Zimmermann ist gebürtiger Limburger und in Lohrheim aufgewachsen. Der Publizist und ehemalige Kunsthändler ist seit 1997 Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates in Berlin (Spitzenverband der Bundeskulturverbände) und besuchte dieser Tage seine Heimatgemeinde Lohrheim. Der SPD-Landtagsabgeordnete Frank Puchtler nutzte diese Gelegenheit und konnte Zimmermann zu einer moderierten Gesprächsrunde mit Kunst- und Kulturschaffenden aus dem Rhein-Lahn-Kreis gewinnen.

Die Provinz lebt
 
Die Resonanz zu dieser Runde, die bezeichnenderweise im Kulturhaus "Kreml" in Zollhaus stattfand, war berauschend. Etwa 60 Personen aus dem Kreis, die sich allesamt mit außergewöhnlichem Engagement in Sachen Kunst und Kultur bewegen, füllten den "kleinen Kultursaal" bis in den allerletzten Winkel. Vertreter, Mitglieder oder Gründer der Initiativen und Projekte wie „Kunstwanderweg Jammertal“, "KuKuNat" (Netzbach), "Kultursommer Rheinland-Pfalz", "SO-Theater", "Oraniensteiner Konzerte" (beide Diez), "Einricher Kunstfreunde", "Nassauischer Künstlerstammtisch", "Klangfeste" (Bad Ems), "Lahnsteiner Bluesfestival" oder von "Lahneck live", aber auch eine ganze Reihe von „Einzelkünstlern“ warteten mit Spannung auf die Ausführungen des prominenten Gastes. Nachdem die Teilnehmer sich und ihre jeweilige Arbeit vorgestellt hatten, sprach Zimmermann erfreut von einer "immensen kreativen Kraft" im Rhein-Lahn-Kreis.

Beispielgebend belege dies die Beiträge in dem Band des Deutschen Kulturrates "Kulturlandschaft Deutschland: Die Provinz lebt", in dem unter anderem zu lesen sei, dass Kultur auf dem Land nah bei den Menschen sei und eine Infrastruktur brauche, die sich mit dem kulturellen Erbe der Region befasse, die in kulturelle Bildung vor Ort investiere und den Künstlern und Künsten Entfaltungsmöglichkeiten biete. "Ohne diese Grundlagenarbeit in der Fläche, ohne den Reichtum der föderalen Kulturlandschaft in der Bundesrepublik gäbe es auch nicht die strahlenden Leuchttürme in den Großstädten. Und wer meint, in den Landkreisen wäre die Kulturarbeit provinziell, verstaubt und weniger avanciert als in den urbanen Zentren, der wird durch Eure Arbeit eines Besseren belehrt", so Zimmermann. Die geschilderten Beiträge zeigten, dass es möglich sei, Kulturarbeit im ländlichen Raum qualifiziert und für unterschiedliche Zielgruppen attraktiv und auch für Menschen mit geringem Einkommen zu entwickeln. Zudem seien es alles Beispiele für Kulturarbeit mit hoher Qualität, mit lokalem Bezug, unter Beteiligung vieler Menschen, in Zusammenarbeit von Profis und Laien, mit teilweise überregionaler Ausstrahlung und kulturtouristischer Wirkung. Mit Frank Puchtler war sich der Gast aus Berlin einig, dass das "kulturelle Leben in der Heimat" einen entscheidenden Standortfaktor darstelle: "Die Kulturarbeit mit lokaler und regionaler Identität ist ein wichtiger Gestaltungsfaktor."

Lobbyarbeit
 
In einem zweiten Teil der Runde, stellte Zimmermann die Arbeit des im Jahre 1981 gegründeten Kulturrates, dem "Dachverband der Dachverbände", vor. 236 Bundeskulturverbände und Organisationen haben sich in acht Sektionen angeschlossen.

Ziel des Deutschen Kulturrates ist es, bundesweit spartenübergreifende Fragen in die kulturpolitische Diskussion auf allen Ebenen einzubringen. "Gelder kann ich aber keine vergeben", informierte er die Anwesenden vor Beginn der sich anschließenden Diskussions- und Fragerunde. "Der Kulturrat kann Verbindungen und Kontakte herstellen, nicht aber finanzieren."

Da Kulturarbeit im ländlichen Raum besonders stark vom ehrenamtlichen Engagement abhängig sei, müsse von Politik und Verwaltung eine besondere Kooperations- und Kommunikationskultur entwickelt werden. Zudem müsse die Ehrenamtarbeit eine besondere Wertschätzung erfahren. Die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen mache es heute erforderlich – viel stärker als in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten – dass Politik und Verwaltungen nicht nur auf Entwicklungen reagieren, sondern auch auf Zukunft hin agieren. Zunehmend werde erkannt, wie wichtig es sei, mit der kulturellen Bildung in den Kindergärten in den Schulen allen Kindern und Jugendlichen Chancen für ihre kulturelle Bildung und Entwicklung zu bieten. „Eine fundierte Schulbildung setzt Kompetenzen in allen Disziplinen voraus, dazu gehören zweifelsohne Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaft. Einen ebenso hohen Stellenwert haben aber auch darstellendes Spiel, Kunst und Musik“, so Zimmermann. Diese Fächer dürfen nach seiner Meinung nicht weiter an den Rand gedrängt werden, sondern müssen mit ebensolcher Ernsthaftigkeit ihren Platz im Schulalltag haben, wie andere Disziplinen.

Erinnerungskultur
 
Für wichtig erachtet Zimmermann den Bereich der Erinnerungskultur, den sogenannten Umgang unserer Gesellschaft mit der Vergangenheit und der Geschichte: "Teile der Vergangenheit müssen im Bewusstsein bleiben."
Deswegen bemisst er der Bedeutung der Gedenktage "100 Jahre Erster Weltkrieg" und "25 Jahre Fall der Mauer" sowie dem Reformationsjubiläum 2017 einen hohen Stellenwert bei.

Abschließend resümierten Zimmermann und Puchtler gemeinsam: Damit sich die Kulturarbeit im ländlichen Raum auch zukünftig positiv weiterentwickeln könne, seien unter anderem folgende Voraussetzungen erforderlich: kommunale Kulturverwaltungen, die aufmerksam Entwicklungen und Potenziale wahrnehmen und durch Beratung, Bereitstellung von Infrastruktur und möglicher finanzieller Förderung, Vorhaben der Kulturarbeit, die nicht aus eigener Kraft erfolgreich sein können zu unterstützten – dies auch mit der Bereitschaft, Risiken einzugehen, weil viele Projekte, die neu beginnen, auch scheitern könnten.

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Nassauische Neue Presse 06.02.2014: Rolf-Peter Kahl

 

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